UX-Faktoren

User Experience lässt sich in klar abgegrenzte Qualitätsaspekte zerlegen – sogenannte UX-Faktoren. Sie machen greifbar, worauf ihr hinarbeitet, und lassen sich mit Fragebögen messen.

Hände ordnen Haftnotizen mit Beschreibungen auf einem Tisch zu Clustern.
Foto: Marvin Kampermann Photography

Aus einem großen Begriff werden greifbare Fragen.

„User Experience“ ist ein ganzheitlicher Begriff, über den sich im Team schwer entscheiden lässt. UX-Faktoren beschreiben dagegen jeweils einen klar abgegrenzten Aspekt: wie Nutzende einen bestimmten Teil der Nutzung oder Gestaltung wahrnehmen.

Welche Faktoren ihr betrachtet, legt ihr selbst fest. Im UX Vision Canvas entstehen sie in Schritt 3 aus euren eigenen Beschreibungen – und können ganz anders heißen als in jeder Liste.

Beispiel

16 verbreitete UX-Faktoren

Diese Auswahl ist ein Beispiel, keine vollständige oder verbindliche Liste. Sie hilft, eure Cluster zu benennen und zu prüfen, ob etwas Wichtiges fehlt. Neue Produkte und Interaktionsformen, etwa Sprachassistenten, bringen neue Faktoren mit.

Nützlichkeit
Bringt die Nutzung Vorteile? Spart sie Zeit und Aufwand?
Effizienz
Lassen sich Aufgaben ohne unnötigen Aufwand erledigen? Reagiert das Produkt schnell?
Durchschaubarkeit
Ist es leicht, sich mit dem Produkt vertraut zu machen und die Bedienung zu lernen?
Steuerbarkeit
Haben Nutzende die Interaktion unter Kontrolle? Reagiert das Produkt vorhersehbar und konsistent?
Intuitive Bedienung
Lässt sich das Produkt sofort nutzen, ohne Schulung oder Hilfe?
Übersichtlichkeit
Wirkt die Oberfläche geordnet, aufgeräumt und klar?
Anpassbarkeit
Lässt sich das Produkt an persönliche Vorlieben und Arbeitsweisen anpassen?
Inhaltsqualität
Sind die Informationen im Produkt immer aktuell und von guter Qualität?
Vertrauen
Sind Nutzende überzeugt, dass ihre Daten in sicheren Händen sind und nicht gegen sie verwendet werden?
Wertigkeit
Wirkt die Gestaltung professionell und hochwertig?
Schönheit
Sieht das Produkt schön und ansprechend aus?
Originalität
Ist die Gestaltung kreativ? Weckt sie das Interesse der Nutzenden?
Stimulation
Ist die Nutzung spannend und motivierend? Macht sie Spaß?
Immersion
Vergessen Nutzende die Zeit und tauchen ganz in die Interaktion ein?
Identität
Hilft das Produkt, Kontakte zu knüpfen und sich anderen gegenüber positiv darzustellen?
Verbundenheit
Bleiben Menschen beim Produkt, auch wenn es Alternativen für dieselbe Aufgabe gibt?

UX-Faktoren messen – zum Beispiel mit dem UEQ+

Ob ihr eure UX-Ziele erreicht, zeigt erst eine Messung. Standardisierte Fragebögen erfassen, wie Nutzende euer Produkt wahrnehmen – und passen gut zu UX-Faktoren, weil ihre Skalen einzelne Faktoren abbilden.

Der UEQ+ ist ein modularer Fragebogen: Ihr stellt ihn aus den Skalen zusammen, die zu euren UX-Faktoren passen. Jede Skala besteht aus vier Fragen, deren Antworten zu einem Wert zusammengefasst werden. Nehmt nur die Skalen, die für euer Produkt wirklich zählen, dann bleibt der Fragebogen kurz.

Zum UEQ+
Beispiel für ein UX-Ziel

Attraktivität ≥ 1,2

Die Attraktivität unseres Produkts soll in der Befragung mit dem UEQ+ gut oder besser bewertet werden.

Weitere Messinstrumente

Neben dem UEQ+ gibt es weitere standardisierte Fragebögen, etwa den UEQ, den SUPR-Q oder den VisAWI. Ergänzend eignen sich Kennzahlen aus eurem Produkt, zum Beispiel aus der Webanalyse.

Welche Faktoren zählen, hängt vom Produkt ab.

Für jedes Produkt sind andere Faktoren wichtig. Diese Beispiele zeigen typische Schwerpunkte:

  • Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Programmierumgebung, Bildbearbeitung

    Am wichtigsten sind Nützlichkeit und Steuerbarkeit, dazu Effizienz, Durchschaubarkeit und Übersichtlichkeit.

  • Buchungssystem, Online-Banking

    Vertrauen und Steuerbarkeit stehen vorn. Inhaltsqualität und Übersichtlichkeit sollten nicht vernachlässigt werden.

  • Webshop, Messenger, soziales Netzwerk, Videokonferenz

    Vertrauen ist am wichtigsten, dazu Steuerbarkeit und intuitive Bedienung.

  • Lernplattform, Nachrichtenportal, Info-Website

    Inhaltsqualität ist klar am wichtigsten, außerdem Übersichtlichkeit, intuitive Bedienung und Durchschaubarkeit.

  • Videoportal

    Nur hier steht die intuitive Bedienung ganz oben, gefolgt von Immersion, Stimulation und Übersichtlichkeit.

  • Spiel

    Immersion und Stimulation sind die wichtigsten Faktoren.

Beispielwerte für 15 Produktkategorien anzeigen

Die Tabelle zeigt, wie wichtig Befragte die Beispiel-Faktoren für verschiedene Produktkategorien einschätzten, von −3 (extrem unwichtig) bis +3 (extrem wichtig). Nutzt sie als Orientierung: Für euer Produkt zählt, was eure Nutzenden und eure Ziele verlangen.

Beispielwerte: eingeschätzte Wichtigkeit der UX-Faktoren je Produktkategorie, Skala −3 bis +3. Umrandet: die fünf wichtigsten Faktoren je Kategorie.
ProduktkategorieNützlichkeitEffizienzDurchschaubarkeitSteuerbarkeitIntuitive BedienungÜbersichtlichkeitAnpassbarkeitInhaltsqualitätVertrauenWertigkeitSchönheitOriginalitätStimulationImmersionIdentitätVerbundenheit
Textverarbeitungz. B. Word, LibreOffice Writer+2,45+2,31+1,91+2,60+1,60+2,00+1,07+0,10+1,26+0,84−0,67−1,54−0,76−1,63−2,48−0,16
Tabellenkalkulationz. B. Excel, OpenOffice Calc+2,53+2,33+2,00+2,53+1,29+1,98+0,91−0,05+1,23+0,88−0,81−1,61−0,76−1,75−2,52−0,16
Programmierumgebungz. B. Visual Studio, Eclipse+2,52+2,41+1,83+2,69+1,00+1,86+2,38+1,11+1,31+1,21−0,26−1,09+0,38+0,35−2,11+0,50
Bildbearbeitungz. B. Photoshop, Gimp+2,34+2,22+1,79+2,43+1,14+1,88+2,00+0,36+1,02+1,33+0,31−0,89+0,70+0,41−2,22+0,63
Buchungssystemz. B. Bahn.de, Booking.com+1,55+2,14+1,97+2,47+1,74+2,03−0,24+2,44+2,70+1,71−0,07−1,00−0,78−1,62−2,44−0,60
Online-Bankingz. B. Portal der eigenen Bank+1,59+1,84+1,79+2,83+1,83+2,02−0,86+2,68+2,98+2,10−0,79−1,71−1,61−2,02−2,620,00
Webshopz. B. Amazon, eBay+0,96+1,47+1,97+2,17+1,93+2,07−0,69+2,42+2,62+1,98+1,59+0,60+0,70+0,40−2,00+0,45
Messengerz. B. WhatsApp, Snapchat+0,60+1,98+1,95+2,09+2,28+1,45+0,03+0,93+2,67+0,60+0,50−0,02+0,51−0,65+1,75+0,58
Soziales Netzwerkz. B. Facebook, LinkedIn−0,27+1,00+1,55+1,91+1,66+1,26+0,69+1,67+2,66+0,90+1,31+0,84+1,65+0,58+2,39+1,19
Videokonferenzz. B. Skype+1,64+1,86+1,48+2,07+1,67+1,36+0,16+1,05+2,24+0,66−0,05−0,78−0,14−0,76+1,04−0,13
Lernplattformz. B. Moodle+2,05+1,78+1,95+1,53+1,55+1,97+1,05+2,53+1,56+1,36+0,90+0,38+1,43+0,70+0,08−0,04
Nachrichtenportalz. B. Spiegel.de, Zeit.de+0,30+0,66+0,98+0,43+1,23+1,50−0,46+2,88+0,39+1,14+0,66+0,12+0,42+0,27−1,85−0,07
Info-Websitez. B. Vereins- oder Stadtwebsite+0,56+0,79+0,97+0,41+0,86+1,60−1,33+2,41+0,35+0,60+0,64−0,07+0,11−0,36−1,37−0,75
Videoportalz. B. YouTube, Netflix−0,43+0,65+1,00+0,72+1,28+1,16−0,33+1,12+1,07+0,50+0,93+0,53+1,14+1,22−0,33+0,02
Spielz. B. Minecraft, World of Warcraft−1,94+1,02+1,53+1,82+1,48+0,81+0,47+0,04+0,56+0,67+2,38+2,33+2,84+2,84+0,50+1,06

Die Tabelle lässt sich seitlich verschieben.

So nutzt ihr die Faktoren

  • Clustern im Canvas

    In Schritt 3 des UX Vision Canvas ordnet ihr eure Beschreibungen zu Clustern. Die Beispiel-Faktoren helfen, die Cluster zu benennen und Lücken zu erkennen.

    Zur Anleitung
  • Faktoren auswählen

    Entscheidet euch für drei bis fünf Faktoren. Was Nutzende nicht nennen, kann für eure Produktziele trotzdem entscheidend sein.

  • Features bewerten

    Mit UX Poker schätzt ihr, wie User Stories auf eure ausgewählten Faktoren wirken.

    Zu UX Poker

Beschreibungen und Beispielwerte nach Schrepp et al. (2023) und Winter, Schrepp & Thomaschewski (2015).

Ihr möchtet das Canvas mit eurem Team einsetzen?

Ich unterstütze euch bei der Durchführung. Schreibt mir kurz, worum es geht und wer dabei sein soll.

  • Workshop-Moderation

    Ich moderiere euren Workshop mit dem UX Vision Canvas – vom Wissen über Nutzende bis zu messbaren UX-Zielen.

  • Eintägiges Training

    Euer Team lernt, was UX Visionen sind, wendet verschiedene Techniken zu ihrer Entwicklung an Beispielen an und erfährt, wofür sich eine UX Vision noch nutzen lässt.